Dienstag, 3. März 2009

Neulich im Traum

Ich schwimme einen Fluss entlang, neben mir schwimmt ein schwarzes Wesen. Wir schwimmen synchron, das Wesen so klein, ich so groß, und trotzdem gleiche Bewegungen ausführend. Ich tauche nicht, bleibe and er Oberfläche, neben dem Wesen an meiner Seite. Neben uns an den Ufern wachsen zunächst Bäume, aber desto weiter wir schwimmen –gegen die Strömung, mit der Strömung? - desto mehr sehen wir Wiesen, haben kein Blätterdach mehr über den Kopf. Dann, an einer Brücke, steigen wir aus dem Wasser. Wir sind nicht nass, deshalb kann ich sein Fell an mich drücken. Fest halte ich ihn im Arm, während ich einen Hügel hinaufsteige. Keine Sekunde lockert sich mein Griff, ich habe Angst, er könnte mir wieder davonlaufen.
Stunden vergehen, jetzt sind es nur Augenblicke. Wir betreten ein Haus, das ich noch nie gesehen habe. Fest verschließe ich die Tür hinter mir, bevor ich ihn auf den Boden setze. Kein Fenster darf offen sein, kein Tor auch nur angelehnt. Dann knie ich, streichle ihn, den ich vor 2 Jahren verloren habe, und der nun im Traum so real zu mir zurückgekommen ist- dass ich nach den Aufwachen nicht verstehen kann, warum es in nicht mehr gibt…
Soll ich froh sein, dass sich der Traum jetzt schon von meinem Gedächtnis löst?

Woher kommt das?

Ich führe ein Lesetagebuch, um mich später daran erinnern zu können, wann ich welches Buch (wie weit) gelesen habe. Da es nur für meine Augen bestimmt ist, kann ich so mehr oder weniger akribisch notieren, was ich an englischen und deutschen Buchseiten verschlungen habe, um dann am Anfang jedes Jahres zusammenzurechnen, wie viel ich gelesen habe. Warum? Einfach, um mir selbst einen Überblick über mein Leseverhalten zu verschaffen- einfach nur um mich selbst einschätzen zu können.
Die Bilanz vom Jahr 2008 hat etwas auf sich warten lassen- bis heute Abend hab ich sie aufgeschoben, und jetzt weiß ich auch warum. Ich hab im Vergleich zum Jahr 2007 ein ganzes Drittel weniger gelesen- an englischen Seiten fehlt mir sogar die Hälfte… (auch wenn ich keine genauen Zahlen schreiben will, könnt ihr mir vertrauen- es ist viel…). Bis zur Jahreshälfte sind die Zahlen auf selber Höhe wie im Vorjahr, wenn nicht sogar höher… und dann, im Juli bricht der Lesefluss zum ersten Mal ab, kommt erst im August wieder weiter, bevor er im September ganz versiebt. In meinem Lesetagebuch für September und Oktober stehen ganze 4 Bücher- 3 davon waren allerdings im Oktober. Habe ich vergessen, Bücher aufzuschreiben –was mir des Öfteren passiert? Meine Erinnerungen an die Zeit sind trüb, ich weiß noch, dass ich im September das eine Buch gelesen habe… im November hat sich die Zahl nur Uni bedingt etwas erhöht, im Dezember steht wieder nur ein etwas längeres Buch. Erst dieses Jahr schauen die Zahlen wieder besser aus.
Was war los? Früher habe ich, gerade wenn es mir nicht gut ging, viel gelesen. Dieses Mal ist mir die Zeit durch die Finger geronnen, wenn, habe ich vorm Einschlafen kurze Zeitungsartikel oder anderes eher überflogen, hastig heruntergeschluckt als wirklich verdaut. Und um zu wissen, dass mein Studium nur nebenher gelaufen ist, muss ich wirklich nicht ins Lesetagebuch schauen…
Zahlen lügen nicht. Hier steht in meiner eigenen Schrift mein privates zeitgeschichtliches Zeugnis einer Stunde, die zum Lesen zu dunkel war… aber zum Schreiben nicht, sonst würde dass hier nicht existieren…

Samstag, 29. November 2008

Leerstellen

Vorweihnachtszeit. Nur noch ein Monat bis Weihnachten, hektisch schreibst du die Namen derer zusammen, die du beschenken willst. Du schreibst sie in dein Notizbuch, ganz hinten, auf die letzte Seite. Und auf der vorletzten Seite, daneben, steht die Liste vom letzten Jahr- und dir fällt auf, dass sie länger ist, dass dir jetzt zwei Namen fehlen.
Du starst auf die Leerstelle, weißt genau wer sie bis jetzt gefüllt hat. Die Zeichen, Buchstaben, die hier einst die Wörter geformt haben, sind nur eine leere Hülle für die beiden Menschen, die dir jetzt fehlen- an die du jetzt eigentlich nicht mehr denken müsstest, wenn du Geschenke suchst. Es aber trotzdem tust, und dir denkst, dass du gerade dieses Jahr das Perfekte hättest...

Abschied

Zu lange habe ich an dir gehangen. Heute habe ich beschlossen, die Brücken zu kappen, dir meine letzten Wurzeln zu entreißen und mich endlich von dir ab zuwenden. Ich will den Weg weiter gehen, ohne nach dir zurückzuschauen. Ich habe endlich erkannt, dass ich erst eine neue Heimat finden kann, wenn ich die alte ganz aufgegeben habe.
Adieu, Stockerau.
Heimat bist einfach nicht mehr du…

Dienstag, 21. Oktober 2008

Ein Foto

Ich möchte eine DVD brennen; doch habe ich sie nicht einmal fertig zusammengestellt. Ich wollte die Fotos unserer „Katzenfamilie“ sichern, um sie nicht im Falle eines PC-Crashs zu verlieren. Dabei habe wollte ich mich aufheitern, in dem ich mich an den Fotos unserer jungen Kätzchen ergötze- im Mai, im Juni, als sie noch in eine Handfläche gepasst haben, kaum die Augen aufmachen konnten und schon schnurrten. Wie viel Zeit seit damals vergangen ist… in mehrfacher Hinsicht. Ich klicke mich langsam durch die ersten Lebensmonate der kleinen Wesen –auf ihre für immer eingefangene Jugend- bis ich auf ein Bild stoße, mich eigentlich beinah daran erstoße. Es stößt sich durch mich, durch die Augen in meine Seele, die in glücklichen Erinnerungen badend nicht damit gerechnet hat, auf ein Bild meiner Großmutter zu treffen. Bis gerade eben hatte ich sogar vergessen, DASS ich dieses Foto überhaupt gemacht habe- aber jetzt fällt mir die Situation ein, wie wir meiner Großmutter eins der Kätzchen zum Streicheln gegeben haben, wie viel Freude sie hatte und wie sie es meinem kleinem Bruder nicht geben wollte… Ich kann nicht auf den Zeitstempel schauen, habe Tränen in den Augenwinkeln, bleibe aber von weiterem Weinen verschont.
Das Bild strahlt etwas Sonderbares aus. Das Lächeln meiner Großmutter- habe ich es schon mal beschrieben? Wie kindlich es manchmal war, frei von Sorgen? Weil sie manchmal Glück hatte, sie einfach nicht mehr wusste was ihr das Leben bis jetzt angetan hatte? Und dann der Kontrast auf dem Foto. Eine Frau, nicht wissend das sie kurz vorm Ende ihres Lebens steht. Und das junge Kätzchen, das sein Leben sowieso nie so wahr haben wird wie ein Mensch und dennoch am Anfang steht.
Es ist wahrscheinlich eins der letzten Fotos das ich von ihr gemacht habe. Eigentlich habe ich es auch nicht nur wegen ihr gemacht- ich wollte den Moment einfangen; habe mir nicht sie selbst zum Ziel der Aufnahme gesetzt. Und doch dominierst sie das Bild jetzt, wird es ewig beherrschen und darauf thronen, weil ich es jetzt weiß.
Hätte sie es gewusst- hätte sie auch nicht zufriedener dreinschauen können, als in dem Augenblick. Und vielleicht birgt die Intention –dass dieses Foto eben NICHT als Andenken aufgenommen wurde- auch etwas schönes, befreiendes in sich.
Ich sichere meine Fotos trotzdem nicht weiter. Ich wische meine Augenwinkel trocken und werde ein andermal darauf zurückkommen- hoffentlich besser vorbereitet.

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Rational?

Manchmal frage ich mich, ob sie uns absichtlich zu selben Zeit verlassen haben. Ein mehr oder weniger rationales Gefühl in mir pocht auf dieser Idee, angespornt durch ein paar unsichere Fakten. Zum einen hat die Großmutter, die länger lebte, vom Ableben der anderen gewusst. Ich kann nicht sagen, was in ihrem Kopf vorging, als sie es erfahren hat. Wahrscheinlich hat sie für die Verstorbene gebetet, aber genauer betrachtet sagt das nicht viel aus. Erschwert wird alles durch die zunehmende Verkalkung meiner Großmutter zu diesem Zeitpunkt- ich konnte eigentlich schon seit Jahren nicht mehr sagen, was in ihr vorgeht oder in welchem Jahr sie gerade gelebt hat.
Dann gab es da noch eine andere Tatsache, eine so außergewöhnliche Unwahrscheinlichkeit, dass sie mein Gehirn wahrscheinlich kaum verarbeiten kann- der Umstand, das zwischen dem „Verschwinden“ der Beiden so wenig Zeit vergangen ist. Ein kindlicher Wunsch hat mich bis zum letzten Moment nicht verstehen lassen, das meine zweite Großmutter wirklich sterben könnte- es erschien mir einfach unmöglich!
Vielleicht ist es derselbe Trieb, der mich damals versuchte mich zu schützen, der mir heute einredet, in diesem Verlust einen Sinn sehen zu können.
Vielleicht will ich mir auf diese Weise auch nur primitiven Trost einreden, weil die Welt, in der sie starben nicht so grausam sein kann.
Am Wahrscheinlichsten ist die einfach Annahme, dass ich noch immer nicht ganz verarbeitet habe, was vor 3 Wochen seinen Anfang genommen hat. Oder aber es ist doch der Sechste Sinn, der –laut diverser Verwandter- in meiner Familie existieren soll. Und die beiden wurden vor etwas erlöst, das jetzt auf uns Verbliebene erst zukommt.

4 Wochen

Ein Monat . 4 Wochen. 28 Tage, 672 Stunden, noch mehr Minuten, Sekunde, Herzschläge. Manche haben sich dahingestreckt wie Tage, manchmal sind Tage vergangen als wären sie nu ein Traum. Ein Albtraum, der alle Ängste ausgegraben hat die ich als Kind schon hatte. Ich fühle mich, als würde ich durch einen Wald gehen, bei hellem Sonnenschein. Das Licht dringt zwar bis zum Waldboden; aber die Bäume werfen umso größere Schatten desto heller das Licht wird. Und in diesen Schatten versteckt sich so vieles, dass ich nicht kommen sehen kann. Ich gehe von Baum zu Baum, taste mich langsam vor- und immer wieder werde ich von Erinnerungen angesprungen, die nur auf mich gelauert haben um mich zu attackieren. Manchmal sind es gute Erinnerungen, an schöne Zeiten- aber überwiegend sind es Dinge, die ich am liebsten in der Dunkelheit des Waldes gelassen hätte, ohne jemals einen zweiten Blick darauf zu werfen. Aber ohne zu wissen, was auf mich zukommt- wie soll ich entscheiden, ob ich etwas entgegentreten will oder nicht?

Freitag, 26. September 2008

Mein Beileid

Manche drücken fester, manche nur ganz leicht. Manchmal ist es eine kurze Berührung, nur ein Wimpernschlag bis sie wieder loslassen; manchmal fürchtest du, sie könnten dich für ewig an sie binden.
Alle schauen dich an, aber nur wenige schauen dir in die Augen. Folgst du dem Ursprung des Blicks siehst du manchmal Tränen; aber gehst du etwas tiefer auch schon mal ein Lächeln. Und dann weißt du nicht, wie du den ganzen Gesichtsausdruck bewerten sollst; ist es echt, trägt jemand eine Maske? Manche blicken starr gerade aus, streifen dein Gesicht nur flüchtig, aus Angst sich verraten zu können. Andere zeigen was sie fühlen; oder glauben es. Weinen sie, weil andere Weinen? Weil sie denken, sie könnten die Nächsten sein? Oder wirklich um meine Großmutter, von der sie sich gerade verabschiedet haben? Weinen sagt nichts aus, wie sehr jemand leidet; es kann nur ein flüchtiger Moment der Schwäche sein, während anderen das Herz zerbricht und sie keine Möglichkeit haben, ihre Gefühle zu zeigen.
Ich schaue in die vielen Gesichter die an mir und meiner Familie vorbeiziehen, um zu kondolieren. Die Kirche war mehr als halb voll; zwar ist es nur eine kleine Kirche, aber ich habe das Gefühl, als würde meine Hand mit jedem Handschlag an Substanz verlieren, weil jeder Trauernde ein Stückchen Leid bei mir lässt.
Und dann immer derselbe Satz. Mein Beileid. Manchmal etwas variiert, wie „mein herzliches Beileid“. Im Laufe der Zeit wirkt es hohl, vor allem wenn sie es bei jedem Familienmitglied aufs neue wiederholen müssen.
Aber manche schauen dir einfach in die Augen, drücken deine Hand und nicken kurz. Manchen hat es nur die Sprache verschlagen, andere wissen, wann sie keine Worte finden.
Und dann –es sind wenige- kommen manche und nehmen dich in den Arm. Nicht nur heute, am Begräbnis: überhaupt. Oder ich sehe, wie alte Freundinnen meiner Oma meine Mutter in den Arm nehmen, um sie zu trösten. Und dann muss ich selbst die Tränen zurückhalten, weil ich so froh bin, dass meine Oma diese Menschen kannte…

Flucht

Ich war einkaufen. In einem Papiergeschäft, ein paar Kleinigkeiten besorgen, nichts Wichtiges oder Nennenswertes. An der Kassa stand ein älterer Herr, wir haben beide gleichzeitig gezahlt.
Als die Verkäuferin die Preise meiner Sachen händisch in die Kassa tippte, hörte ich dem Mann und seiner Verkäuferin zu. Er bestellte irgendetwas im Geschäft nicht lagerndes; deshalb wurde er nach seinem Nachnamen gefragt.
Als ich zahlte, sagte er ihn der Verkäuferin gerade an.
Ich bin fast gegangen, ohne mein Wechselgeld mitzunehmen. Es war der Nachname meiner verstorbenen Großmutter.

Donnerstag, 25. September 2008

Das Begräbnis

Das Begräbnis

Aussteigen.

Der Himmel ist trüb.

Ich nehme eins der Blumensträußchen in die Hand- und werde mich daran festhalten, bis es vorbei ist. Es sind Gänseblümchenähnliche Blumen; wie auf dem letzten Bild, das sie mir geschenkt hat.

Wir gehen in die Halle, ein Onkel und eine Tante begrüßen uns als erste. Dann kommt der Rest- meine Taufpatin kämpft jetzt schon mit den Tränen.

Der Sarg steht vor uns; ein dunkles Holz, mit einem Kreuz am Deckel. Rundherum Kränze und Blumengestecke. Meine Mutter zeigt und den Unseren- mein Name in goldenen Buchstaben neben denen meiner Geschwister.

Dann kommen Menschen, die ich nicht oder nicht mehr erkenne. Fremde Gesichter, bekannte Gesichter, die Trauer ist die gleiche.

Der Priester kommt, von den Sargträgern begleitet. Sie schauen ernst- teils Masken, teils echt. Berufsrisiko, denkt mein Hinterkopf, dem das auffällt. Ein anderer Teil von mir merkt nichts- ich muss mit Tränen kämpfen, als meine Tante anfängt für meine Oma zu singen. Ich gewinne, wie meine Mutter neben mir. Noch sind wir stark.

Der Trauerzug setzt sich in Bewegung: Priester, Sarg, Familie, Freunde, Fremde. In der Kapelle zweigen drei ab; wir gehen hinaus, warten. Ist es jemanden aufgefallen? Es ist egal; wir wollen nichts vorspielen, was wir nicht sind. Wir bewegen unsere Lippen nicht zum Gebet, dass wir von drinnen hören. Wir stehen schweigsam zu dritt in der Kälte, versuchen uns zu trösten und abzulenken.

Als die Messe beendet ist, suchen wir Anschluss an unsere Mutter; der Vater, dessen Mutter begraben wird, bleibt zurück. Er trägt Krücken, die Leute laufen zu schnell für ihn.

Die Friedhofspforten, durch die der Sarg uns führt, sind alt. Am Hauptweg entlang stehen undenkbar alte Grabsteine. Sie erinnern an Leute, die oft hunderte Jahre tot sind, an die sonst nichts mehr erinnert. Der Himmel, grau und nass, untermalt die Stimmung wie ein depressiver Künstler.

Der Asphaltweg ist grau, Risse wurden nachträglich ausgebessert. Sie bilden ein schwarzes Muster, über das alle hinwegblicken, obwohl ihre Blicke gesenkt sind.

Der Sarg biegt ein, die letzten Meter wird er getragen. Das Grab liegt mit anderen zwischen zwei Hecken; nur ein schmaler Streifen, wahrscheinlich für eine glücklichere Familie reserviert, liegt brach; Klee wächst umgeben von Gras und kleinen Gänseblümchen. Er sammelt Tautropfen, die als kleine Halbkugeln auf den Blättern liegen. Würde ein kleiner Marienkäfer über die Szenerie krabbeln, könnte ich mir einreden, meine Oma hätte diese Wiese gemalt.

Der Priester spricht Abschiedsworte, der Lautsprecher, der sie überträgt, steht eine Partielle weiter; wird von den Hecken fast versteckt.

Jeder nimmt Abschied, wirft Blumen und etwas Erde in das Grab, bevor er oder sie ein Kreuzzeichen macht und geht. Mein kleiner Bruder ist nervös und macht gleich zwei; ich dafür keins, weder vorher noch nachher. Dafür ziele ich besser- meine Blumen bleiben am Fuß des Sarges liegen.

Beim weggehen blicke ich kurz auf die Namen, die eingraviert sind. Meine Oma ist nun nicht mehr allein, sondern liegt mit ihrem Mann und dessen Eltern begraben.

Kurz darauf singt meine Tante noch mal; viele stimmen ein, aber ich kenne die Lieder nicht- würde auch nicht singen, wenn. Jetzt kann ich eine träne nicht mehr halten, sie entkommt mir.

Meine Mutter steht neben mir, ihre Stimme zittert, auch sie hat nachgegeben. Aber sie singt.

Als wir zurück zum Auto gehen, kommen zögerliche Sonnenstrahlen hinter den Wolken hervor. Sie wärmen unsere Rücken und leuchten unseren Weg. Wäre dies eine Geschichte- ich hätte ihr kein schöneres Ende geben können.

Doch leider… in zwei Tagen beginnt dieser Tag noch mal, von vorne.

Zu Spät

Manche Worte für jemanden erst zu finden, wenn man ihn nicht mehr hat.

Zur Oma gehen.

Es ist noch in unseren Köpfen. Doch weder in Stockerau, noch in Petzenkirchen wird jemand diesen Weg so gehen, wie wir ihn bis jetzt gegangen sind.

Der Ring

Ängstlich schaue ich nach, ob er noch da ist. Der Ring, den du mir vor so langer Zeit geschenkt hast; er passt nicht gut um meinen Ringfinger, höchstens um den Zeigefinger. Deshalb habe ich ihn nur selten getragen, fast nie.
Vor mir hat er meiner Tante gehört, die vor mehr als 8 Jahren unterwarteter gestorben ist als du. Ein paar Jahre später hast du ihn mir geschenkt- vielleicht weil du ihn nicht mehr sehen wolltest, vielleicht weil er dir nie viel bedeutet hat.
Danach habe ich ihn eine zeitlang getragen, aber nicht um mich an meine Tante zu erinnern. Ich war jung, meine Gedanken drehten sich um jemand anderen, bei dem ich nicht sein konnte.
Gestern Nacht, beim Schlafen gehen, ist er mir aus Zufall wieder in die Hände gefallen. Heute scheint er mir noch weniger zu passen als damals. Es ist mir egal, ich muss ihn nicht immer tragen um zu wissen, woher er kommt. An wen er mich jetzt erinnert.

Verstehen

Plötzlich verstehen, wie schön es ist, Geschwister zu haben.
Weil du in deiner Haut nie ganz allein bist.

Angst haben

Und plötzlich ist sie da. Sie ist irrational, zuvor noch nie da gewesen. Eigentlich hältst du dich selbst für dumm, weil du sie nicht unter Kontrolle bringst- sie ist einfach immer da. Wenn die Mutter zu spät vom Einkaufen zurückkommt. Ein Freund sich seit ein paar Tagen nicht mehr meldet. Und selbst wenn ein kleines Katerchen bei dir im Bett liegt und du nicht anders kannst, als dauernd seinen Atem und seinen Puls zu fühlen.
Sie ist einfach da, die Angst.
Aber ich habe zumindest keine Angst, darüber zu schreiben.

Zwischenzeitlich Durchatmem

Musik hören, die man lange nicht dulden konnte.
An Dinge denken, die zuvor unwichtig schienen.
Über Sachen diskutieren, die nichts mit den Begräbnissen zu tun haben.
Langsam –sehr, sehr langsam- zum Leben zurückfinden.

Erinnerung

Kaum bist du kalt, schon fliehen sie. Vielleicht wie die Ratten, die ein sinkendes Schiff verlassen: sie zerstreuen sich im Winde.

Manche sind bereits mit dir untergegangen. Sie haben nur noch in dir existiert, weil du die letzte deiner Generation warst; sie sind mit dir verschwunden, und nichts auf der Welt kann sie jemals zurückbringen.

Manche haben sich woanders festgesetzt; auf Papier, auf Bildern, in manchen Köpfen. Wir gehen durch dein Haus und sehen das Bild deines verstorbenen Ehemanns, meines Großvaters; es hängt über dem Tisch, an dem wir so viele Mahlzeiten eingenommen haben, das kein Mensch sie mehr zählen kann.

Andere Bilder haben sich besser verstecken. Wir finden sie in den Schränken, eingebettet in Fotoalben oder auf Parten gedruckt, als Erinnerung für Menschen, die nur noch du gekannt hast.

Manche hast du sogar in deinem Gebetsbuch aufgehoben. Dort hast du sie hineingelegt, um dich an deine Familie zu erinnern, die unsere Welt so lang vor dir verlassen hat.

Aber die größte Zahl an Erinnerungen, die noch durch diese Welt fliegen, ist die, die noch lebt. In unseren Händen, Köpfen und Herzen. Wir tun banal wirkende Dinge, die du sonst immer getan hast: wir füttern deine Katzen, pflücken dein Obst oder arbeiten in deinem Garten. Wir verrichten dieselben Handgriffe, die auch du schon so oft getan hast- und denken dabei oft gar nicht daran.

Nur in unserem Kopf, in dem alles gespeichert ist, macht sich dann manchmal ein trauriges Gefühl breit. Und wir wissen dann wieder, was wir da gerade tun- und denken an dich. Oder wir reden über dich, über die Dinge, die du gewusst hast. Wir denken immer, soviel zu kennen- doch ist alles, was wir noch von dir in Erinnerung haben nur ein Bruchteil deines Lebens. Wie viel wissen wir nicht, weil du es nicht wolltest? Wie viele Erinnerungen nimmst du mit ins Grab, weil du nie den Mut fandest, sie auszusprechen? Und wie viel ist auf ewig verschwunden, weil du es bereits vergessen hast?

Niemand kann es mir sagen.

Dafür gedenken wir mit dem Herzen- wir wissen nicht genau, wofür. Aber wir werden es immer tun.

Sonntag, 21. September 2008

Weil man es nicht oft genug sagen kann

Stell dir vor: du wachst in der Früh auf, und du weißt, dass heute der letzte Tag deines Lebens ist. Es kommt jetzt nicht darauf an, welche Religion du hast, wie alt du bist, was du bis jetzt in deinem Leben erlebst hast: es ist auch egal, wie du es erfahren hast. Glaubst du an Engel? An Visionen? An Traumdeutung? Such dir irgendetwas aus; dann war es einfach so.
Bist du Frühaufsteher? Dann hast du wohl Glück. Bleibst du eher länger auf und stehst dementsprechend später auf? Dann endet dein Tag heute etwas früher als sonst. Punkt Mitternacht ist der Zapfenstreich deines Lebens; und es steht dir frei, ihn so zu verbringen wie du willst.
Wenn du jetzt nicht weißt, was du tun willst, hast du ein Problem. Auch, wenn dir auf Anhieb Millionendinge einfallen, die du tun könntest. MENSCHENSKIND!! Das ist nur der letzte Tag deines Lebens, nicht der erste. Was hast du bis jetzt getan? Däumchen gedreht? Dem Bäumen beim Wachsen zugeschaut?
Ja, ich weiß schon. Die Frage ist alt, klingt schon etwas abgedroschen, vielleicht sogar abgelutscht von den Generationen die sie vor uns in den Mund genommen haben. Aber die Antworten sind es nicht- oder sollten es nicht sein. Jede Antwort sollte individuell und neu aus dir herauskommen- sie soll Wünsche und Taten, deine Einstellung und dein bisheriges Leben widerspiegeln.
Und deshalb kann ich nur eines sagen: ich will gar nicht wissen, wann es mit mir zu Ende geht. Könnte ich den Tag wirklich genießen, wenn ich wüsste, dass er mein letzter ist? Das danach nur das Ungewisse, das Ende auf mich lauert? Ich will mich nicht von der Uhr oder von irgendetwas anderem jagen lassen; ich will meine letzten Stunden so verbringen, wie ich es immer getan habe.
Und damit komme ich zum Punkt, zum Kern dieser ganzen Aussage. Auch der Spruch, der jetzt kommt ist etwas alt- aber ich denke, man kann ihn nicht oft genug hören, weil man nie wirklich realisiert wie sehr es stimmt: Lebe jeden Tag deines Lebens wie deinen Letzten. Dir wird es vielleicht nicht viel helfen –weil du ja nicht weißt, wann es zu Ende ist- aber denen, die um dich trauern erleichtert es Vieles.

Leere Floskeln

Eine Nachricht aus dem Italienurlaub; eine SMS, um die Mittagszeit angekommen:
„Wollte dich nur wißn lassn daß keine Stunde vergeht in der ich nicht an dich denke.“
Danke, aber bitte wie machst du das? Stellst du dir nachts den Wecker, der dich im Stundentakt wachmacht damit du daran denken kannst? Hast du vielleicht sogar eine Stechuhr, damit du am Ende des Tages kontrollieren kannst ob du brav warst? Liegst du am Strand, schaust hinaus aufs Meer- und denkst dann plötzlich dran? Flüstern dir die Fische beim Schnorcheln stumme Erinnerungen zu? Malen die Touristenkinder Schriftzeichen in den Sand? Zwickt dich ab und an ein Einsiedlerkrebs?
Und was ist, wenn du „Party machst“? Haben es die Burschen, denen du nachschaust auf die Stirn eingraviert? Erinnert dich das Rot der Cocktailkirschen daran?
Ich weiß, ich weiß. Es ist nur eine Floskel. Ich bin dir auch nicht böse- ich weiß, es war gut gemeint. Aber bitte, genieß deinen Urlaub, so lange du ihn hast. Sei danach –sofern du es willst- für mich da. Es ist besser für uns Beide.

Katalogtrauer

Eine Hilfe in der Trauer für die einen; eine Kränkung für die anderen.

Man kann auswählen, muss sich entscheiden, eine Bestellung abgeben- wie in einem Versandhauskatalog. Den Sarg, die Parten.

Der Text wird in ein Formular eingetragen: manche Textzeilen ausgestrichen, manche ergänzt, in manche Felder eingesetzt. Es scheint wie ein Lückentext, aus Volksschulzeiten.

Für den –auch nur aus dem Katalog stammenden- Trauerspruch wird sogar nur ein Code, der mit Zahlen angegeben ist, dazugekritzelt.

Das Partebild gibt es in etwa zehn verschiedenen Variationen- viele mit Kreuzen, manche Bilder. Eines, dass eine Allee zeigt ist besonders beliebt- später sehen wir es im Supermarkt hängen, zwei von drei Angehörigen haben sich dafür entschieden. Die Beispiele im Katalog sind genauso echt wie die im Geschäft; Menschen, die gelebt haben und hier gestorben sind. Manche kannte meine Mutter noch.

Danach müssen wir noch ein Bild für die kleine Parte auswählen, die es –fast nur- im ländlichen Bereich gibt. Ein kleines Deckblatt, entweder füllend oder mit einem Spruch. Variationen gibt es nicht, die Druckerei ist unflexibel. Entweder das eine, oder das andere. Auf eigene Wünsche kann keine Rücksicht genommen werden.

Und so schwindet am Ende die Individualität eines Menschen; jedes Bild, jeder Spruch ist davor schon einmal verwendet worden.

Doch jede neue Suche, jeder Drang sich selbst einzubringen scheitert. Wir sind wie gelähmt; wir ringen nach Worten und Formulieren- und finden einfach keine. Am Ende bleibt der Text, der nicht auszudrücken vermag was wie fühlen- und der trotzdem gedruckt wird.

In einem Menschen

Im Generischen Femininum
Wenn man geboren wird, hat man noch kein genaues Bild von den Menschen, die eine umgeben. Dann lernt mensch sie langsam kennen: zuerst nur mit den Namen –Mama, Oma, … -.
Dann, später, beginnt man auch ansatzweise zu begreifen, was diese Worte bedeuten; warum ein Mensch überhaupt eine „Mama“ oder eine „Oma“ für jemanden ist. Was so ein Mensch für das eigene Leben bedeutet; wie er es prägt, wie er es gegeben hat.
Irgendwann werden einem kleinen Kind dann die Verwandtschaftstrukturen erklärt, die eine Familie ausmachen: das die Oma die Mutter der Mama ist, die Tante die Schwester der Mama und auch ein Kind der Oma. Manche begreifen es früher- manche später. Vielleicht hängt es davon ab, ob mensch selbst Geschwister hat.
Und dann wird man immer älter; mensch lernt die Menschen kennen, ihre Persönlichkeiten. Jede hat Stärken, jede hat Schwächen.
Doch haben wir alle eine eigene Sicht auf jede Verwandte; wir sehen sie meistens „nur“ als Mutter, „nur“ als Tante.
Mehr lernen wir erst zu sehen, wenn die Mutter am Sarg der Großmutter steht und trauert.
Dann erst begreifen wir wirklich, da auch sie eine Tochter war.

Angst

Wenn man mitten in der Nacht von einem Familienmitglied angerufen wird- und einfach nur noch mit dem Schlimmsten rechnet.