Donnerstag, 25. September 2008

Das Begräbnis

Das Begräbnis

Aussteigen.

Der Himmel ist trüb.

Ich nehme eins der Blumensträußchen in die Hand- und werde mich daran festhalten, bis es vorbei ist. Es sind Gänseblümchenähnliche Blumen; wie auf dem letzten Bild, das sie mir geschenkt hat.

Wir gehen in die Halle, ein Onkel und eine Tante begrüßen uns als erste. Dann kommt der Rest- meine Taufpatin kämpft jetzt schon mit den Tränen.

Der Sarg steht vor uns; ein dunkles Holz, mit einem Kreuz am Deckel. Rundherum Kränze und Blumengestecke. Meine Mutter zeigt und den Unseren- mein Name in goldenen Buchstaben neben denen meiner Geschwister.

Dann kommen Menschen, die ich nicht oder nicht mehr erkenne. Fremde Gesichter, bekannte Gesichter, die Trauer ist die gleiche.

Der Priester kommt, von den Sargträgern begleitet. Sie schauen ernst- teils Masken, teils echt. Berufsrisiko, denkt mein Hinterkopf, dem das auffällt. Ein anderer Teil von mir merkt nichts- ich muss mit Tränen kämpfen, als meine Tante anfängt für meine Oma zu singen. Ich gewinne, wie meine Mutter neben mir. Noch sind wir stark.

Der Trauerzug setzt sich in Bewegung: Priester, Sarg, Familie, Freunde, Fremde. In der Kapelle zweigen drei ab; wir gehen hinaus, warten. Ist es jemanden aufgefallen? Es ist egal; wir wollen nichts vorspielen, was wir nicht sind. Wir bewegen unsere Lippen nicht zum Gebet, dass wir von drinnen hören. Wir stehen schweigsam zu dritt in der Kälte, versuchen uns zu trösten und abzulenken.

Als die Messe beendet ist, suchen wir Anschluss an unsere Mutter; der Vater, dessen Mutter begraben wird, bleibt zurück. Er trägt Krücken, die Leute laufen zu schnell für ihn.

Die Friedhofspforten, durch die der Sarg uns führt, sind alt. Am Hauptweg entlang stehen undenkbar alte Grabsteine. Sie erinnern an Leute, die oft hunderte Jahre tot sind, an die sonst nichts mehr erinnert. Der Himmel, grau und nass, untermalt die Stimmung wie ein depressiver Künstler.

Der Asphaltweg ist grau, Risse wurden nachträglich ausgebessert. Sie bilden ein schwarzes Muster, über das alle hinwegblicken, obwohl ihre Blicke gesenkt sind.

Der Sarg biegt ein, die letzten Meter wird er getragen. Das Grab liegt mit anderen zwischen zwei Hecken; nur ein schmaler Streifen, wahrscheinlich für eine glücklichere Familie reserviert, liegt brach; Klee wächst umgeben von Gras und kleinen Gänseblümchen. Er sammelt Tautropfen, die als kleine Halbkugeln auf den Blättern liegen. Würde ein kleiner Marienkäfer über die Szenerie krabbeln, könnte ich mir einreden, meine Oma hätte diese Wiese gemalt.

Der Priester spricht Abschiedsworte, der Lautsprecher, der sie überträgt, steht eine Partielle weiter; wird von den Hecken fast versteckt.

Jeder nimmt Abschied, wirft Blumen und etwas Erde in das Grab, bevor er oder sie ein Kreuzzeichen macht und geht. Mein kleiner Bruder ist nervös und macht gleich zwei; ich dafür keins, weder vorher noch nachher. Dafür ziele ich besser- meine Blumen bleiben am Fuß des Sarges liegen.

Beim weggehen blicke ich kurz auf die Namen, die eingraviert sind. Meine Oma ist nun nicht mehr allein, sondern liegt mit ihrem Mann und dessen Eltern begraben.

Kurz darauf singt meine Tante noch mal; viele stimmen ein, aber ich kenne die Lieder nicht- würde auch nicht singen, wenn. Jetzt kann ich eine träne nicht mehr halten, sie entkommt mir.

Meine Mutter steht neben mir, ihre Stimme zittert, auch sie hat nachgegeben. Aber sie singt.

Als wir zurück zum Auto gehen, kommen zögerliche Sonnenstrahlen hinter den Wolken hervor. Sie wärmen unsere Rücken und leuchten unseren Weg. Wäre dies eine Geschichte- ich hätte ihr kein schöneres Ende geben können.

Doch leider… in zwei Tagen beginnt dieser Tag noch mal, von vorne.

Zu Spät

Manche Worte für jemanden erst zu finden, wenn man ihn nicht mehr hat.

Zur Oma gehen.

Es ist noch in unseren Köpfen. Doch weder in Stockerau, noch in Petzenkirchen wird jemand diesen Weg so gehen, wie wir ihn bis jetzt gegangen sind.

Der Ring

Ängstlich schaue ich nach, ob er noch da ist. Der Ring, den du mir vor so langer Zeit geschenkt hast; er passt nicht gut um meinen Ringfinger, höchstens um den Zeigefinger. Deshalb habe ich ihn nur selten getragen, fast nie.
Vor mir hat er meiner Tante gehört, die vor mehr als 8 Jahren unterwarteter gestorben ist als du. Ein paar Jahre später hast du ihn mir geschenkt- vielleicht weil du ihn nicht mehr sehen wolltest, vielleicht weil er dir nie viel bedeutet hat.
Danach habe ich ihn eine zeitlang getragen, aber nicht um mich an meine Tante zu erinnern. Ich war jung, meine Gedanken drehten sich um jemand anderen, bei dem ich nicht sein konnte.
Gestern Nacht, beim Schlafen gehen, ist er mir aus Zufall wieder in die Hände gefallen. Heute scheint er mir noch weniger zu passen als damals. Es ist mir egal, ich muss ihn nicht immer tragen um zu wissen, woher er kommt. An wen er mich jetzt erinnert.

Verstehen

Plötzlich verstehen, wie schön es ist, Geschwister zu haben.
Weil du in deiner Haut nie ganz allein bist.

Angst haben

Und plötzlich ist sie da. Sie ist irrational, zuvor noch nie da gewesen. Eigentlich hältst du dich selbst für dumm, weil du sie nicht unter Kontrolle bringst- sie ist einfach immer da. Wenn die Mutter zu spät vom Einkaufen zurückkommt. Ein Freund sich seit ein paar Tagen nicht mehr meldet. Und selbst wenn ein kleines Katerchen bei dir im Bett liegt und du nicht anders kannst, als dauernd seinen Atem und seinen Puls zu fühlen.
Sie ist einfach da, die Angst.
Aber ich habe zumindest keine Angst, darüber zu schreiben.

Zwischenzeitlich Durchatmem

Musik hören, die man lange nicht dulden konnte.
An Dinge denken, die zuvor unwichtig schienen.
Über Sachen diskutieren, die nichts mit den Begräbnissen zu tun haben.
Langsam –sehr, sehr langsam- zum Leben zurückfinden.

Erinnerung

Kaum bist du kalt, schon fliehen sie. Vielleicht wie die Ratten, die ein sinkendes Schiff verlassen: sie zerstreuen sich im Winde.

Manche sind bereits mit dir untergegangen. Sie haben nur noch in dir existiert, weil du die letzte deiner Generation warst; sie sind mit dir verschwunden, und nichts auf der Welt kann sie jemals zurückbringen.

Manche haben sich woanders festgesetzt; auf Papier, auf Bildern, in manchen Köpfen. Wir gehen durch dein Haus und sehen das Bild deines verstorbenen Ehemanns, meines Großvaters; es hängt über dem Tisch, an dem wir so viele Mahlzeiten eingenommen haben, das kein Mensch sie mehr zählen kann.

Andere Bilder haben sich besser verstecken. Wir finden sie in den Schränken, eingebettet in Fotoalben oder auf Parten gedruckt, als Erinnerung für Menschen, die nur noch du gekannt hast.

Manche hast du sogar in deinem Gebetsbuch aufgehoben. Dort hast du sie hineingelegt, um dich an deine Familie zu erinnern, die unsere Welt so lang vor dir verlassen hat.

Aber die größte Zahl an Erinnerungen, die noch durch diese Welt fliegen, ist die, die noch lebt. In unseren Händen, Köpfen und Herzen. Wir tun banal wirkende Dinge, die du sonst immer getan hast: wir füttern deine Katzen, pflücken dein Obst oder arbeiten in deinem Garten. Wir verrichten dieselben Handgriffe, die auch du schon so oft getan hast- und denken dabei oft gar nicht daran.

Nur in unserem Kopf, in dem alles gespeichert ist, macht sich dann manchmal ein trauriges Gefühl breit. Und wir wissen dann wieder, was wir da gerade tun- und denken an dich. Oder wir reden über dich, über die Dinge, die du gewusst hast. Wir denken immer, soviel zu kennen- doch ist alles, was wir noch von dir in Erinnerung haben nur ein Bruchteil deines Lebens. Wie viel wissen wir nicht, weil du es nicht wolltest? Wie viele Erinnerungen nimmst du mit ins Grab, weil du nie den Mut fandest, sie auszusprechen? Und wie viel ist auf ewig verschwunden, weil du es bereits vergessen hast?

Niemand kann es mir sagen.

Dafür gedenken wir mit dem Herzen- wir wissen nicht genau, wofür. Aber wir werden es immer tun.