Das Begräbnis
Aussteigen.
Der Himmel ist trüb.
Ich nehme eins der Blumensträußchen in die Hand- und werde mich daran festhalten, bis es vorbei ist. Es sind Gänseblümchenähnliche Blumen; wie auf dem letzten Bild, das sie mir geschenkt hat.
Wir gehen in die Halle, ein Onkel und eine Tante begrüßen uns als erste. Dann kommt der Rest- meine Taufpatin kämpft jetzt schon mit den Tränen.
Der Sarg steht vor uns; ein dunkles Holz, mit einem Kreuz am Deckel. Rundherum Kränze und Blumengestecke. Meine Mutter zeigt und den Unseren- mein Name in goldenen Buchstaben neben denen meiner Geschwister.
Dann kommen Menschen, die ich nicht oder nicht mehr erkenne. Fremde Gesichter, bekannte Gesichter, die Trauer ist die gleiche.
Der Priester kommt, von den Sargträgern begleitet. Sie schauen ernst- teils Masken, teils echt. Berufsrisiko, denkt mein Hinterkopf, dem das auffällt. Ein anderer Teil von mir merkt nichts- ich muss mit Tränen kämpfen, als meine Tante anfängt für meine Oma zu singen. Ich gewinne, wie meine Mutter neben mir. Noch sind wir stark.
Der Trauerzug setzt sich in Bewegung: Priester, Sarg, Familie, Freunde, Fremde. In der Kapelle zweigen drei ab; wir gehen hinaus, warten. Ist es jemanden aufgefallen? Es ist egal; wir wollen nichts vorspielen, was wir nicht sind. Wir bewegen unsere Lippen nicht zum Gebet, dass wir von drinnen hören. Wir stehen schweigsam zu dritt in der Kälte, versuchen uns zu trösten und abzulenken.
Als die Messe beendet ist, suchen wir Anschluss an unsere Mutter; der Vater, dessen Mutter begraben wird, bleibt zurück. Er trägt Krücken, die Leute laufen zu schnell für ihn.
Die Friedhofspforten, durch die der Sarg uns führt, sind alt. Am Hauptweg entlang stehen undenkbar alte Grabsteine. Sie erinnern an Leute, die oft hunderte Jahre tot sind, an die sonst nichts mehr erinnert. Der Himmel, grau und nass, untermalt die Stimmung wie ein depressiver Künstler.
Der Asphaltweg ist grau, Risse wurden nachträglich ausgebessert. Sie bilden ein schwarzes Muster, über das alle hinwegblicken, obwohl ihre Blicke gesenkt sind.
Der Sarg biegt ein, die letzten Meter wird er getragen. Das Grab liegt mit anderen zwischen zwei Hecken; nur ein schmaler Streifen, wahrscheinlich für eine glücklichere Familie reserviert, liegt brach; Klee wächst umgeben von Gras und kleinen Gänseblümchen. Er sammelt Tautropfen, die als kleine Halbkugeln auf den Blättern liegen. Würde ein kleiner Marienkäfer über die Szenerie krabbeln, könnte ich mir einreden, meine Oma hätte diese Wiese gemalt.
Der Priester spricht Abschiedsworte, der Lautsprecher, der sie überträgt, steht eine Partielle weiter; wird von den Hecken fast versteckt.
Jeder nimmt Abschied, wirft Blumen und etwas Erde in das Grab, bevor er oder sie ein Kreuzzeichen macht und geht. Mein kleiner Bruder ist nervös und macht gleich zwei; ich dafür keins, weder vorher noch nachher. Dafür ziele ich besser- meine Blumen bleiben am Fuß des Sarges liegen.
Beim weggehen blicke ich kurz auf die Namen, die eingraviert sind. Meine Oma ist nun nicht mehr allein, sondern liegt mit ihrem Mann und dessen Eltern begraben.
Kurz darauf singt meine Tante noch mal; viele stimmen ein, aber ich kenne die Lieder nicht- würde auch nicht singen, wenn. Jetzt kann ich eine träne nicht mehr halten, sie entkommt mir.
Meine Mutter steht neben mir, ihre Stimme zittert, auch sie hat nachgegeben. Aber sie singt.
Als wir zurück zum Auto gehen, kommen zögerliche Sonnenstrahlen hinter den Wolken hervor. Sie wärmen unsere Rücken und leuchten unseren Weg. Wäre dies eine Geschichte- ich hätte ihr kein schöneres Ende geben können.
Doch leider… in zwei Tagen beginnt dieser Tag noch mal, von vorne.
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