Freitag, 26. September 2008

Mein Beileid

Manche drücken fester, manche nur ganz leicht. Manchmal ist es eine kurze Berührung, nur ein Wimpernschlag bis sie wieder loslassen; manchmal fürchtest du, sie könnten dich für ewig an sie binden.
Alle schauen dich an, aber nur wenige schauen dir in die Augen. Folgst du dem Ursprung des Blicks siehst du manchmal Tränen; aber gehst du etwas tiefer auch schon mal ein Lächeln. Und dann weißt du nicht, wie du den ganzen Gesichtsausdruck bewerten sollst; ist es echt, trägt jemand eine Maske? Manche blicken starr gerade aus, streifen dein Gesicht nur flüchtig, aus Angst sich verraten zu können. Andere zeigen was sie fühlen; oder glauben es. Weinen sie, weil andere Weinen? Weil sie denken, sie könnten die Nächsten sein? Oder wirklich um meine Großmutter, von der sie sich gerade verabschiedet haben? Weinen sagt nichts aus, wie sehr jemand leidet; es kann nur ein flüchtiger Moment der Schwäche sein, während anderen das Herz zerbricht und sie keine Möglichkeit haben, ihre Gefühle zu zeigen.
Ich schaue in die vielen Gesichter die an mir und meiner Familie vorbeiziehen, um zu kondolieren. Die Kirche war mehr als halb voll; zwar ist es nur eine kleine Kirche, aber ich habe das Gefühl, als würde meine Hand mit jedem Handschlag an Substanz verlieren, weil jeder Trauernde ein Stückchen Leid bei mir lässt.
Und dann immer derselbe Satz. Mein Beileid. Manchmal etwas variiert, wie „mein herzliches Beileid“. Im Laufe der Zeit wirkt es hohl, vor allem wenn sie es bei jedem Familienmitglied aufs neue wiederholen müssen.
Aber manche schauen dir einfach in die Augen, drücken deine Hand und nicken kurz. Manchen hat es nur die Sprache verschlagen, andere wissen, wann sie keine Worte finden.
Und dann –es sind wenige- kommen manche und nehmen dich in den Arm. Nicht nur heute, am Begräbnis: überhaupt. Oder ich sehe, wie alte Freundinnen meiner Oma meine Mutter in den Arm nehmen, um sie zu trösten. Und dann muss ich selbst die Tränen zurückhalten, weil ich so froh bin, dass meine Oma diese Menschen kannte…

Flucht

Ich war einkaufen. In einem Papiergeschäft, ein paar Kleinigkeiten besorgen, nichts Wichtiges oder Nennenswertes. An der Kassa stand ein älterer Herr, wir haben beide gleichzeitig gezahlt.
Als die Verkäuferin die Preise meiner Sachen händisch in die Kassa tippte, hörte ich dem Mann und seiner Verkäuferin zu. Er bestellte irgendetwas im Geschäft nicht lagerndes; deshalb wurde er nach seinem Nachnamen gefragt.
Als ich zahlte, sagte er ihn der Verkäuferin gerade an.
Ich bin fast gegangen, ohne mein Wechselgeld mitzunehmen. Es war der Nachname meiner verstorbenen Großmutter.