Sonntag, 21. September 2008
Weil man es nicht oft genug sagen kann
Bist du Frühaufsteher? Dann hast du wohl Glück. Bleibst du eher länger auf und stehst dementsprechend später auf? Dann endet dein Tag heute etwas früher als sonst. Punkt Mitternacht ist der Zapfenstreich deines Lebens; und es steht dir frei, ihn so zu verbringen wie du willst.
Wenn du jetzt nicht weißt, was du tun willst, hast du ein Problem. Auch, wenn dir auf Anhieb Millionendinge einfallen, die du tun könntest. MENSCHENSKIND!! Das ist nur der letzte Tag deines Lebens, nicht der erste. Was hast du bis jetzt getan? Däumchen gedreht? Dem Bäumen beim Wachsen zugeschaut?
Ja, ich weiß schon. Die Frage ist alt, klingt schon etwas abgedroschen, vielleicht sogar abgelutscht von den Generationen die sie vor uns in den Mund genommen haben. Aber die Antworten sind es nicht- oder sollten es nicht sein. Jede Antwort sollte individuell und neu aus dir herauskommen- sie soll Wünsche und Taten, deine Einstellung und dein bisheriges Leben widerspiegeln.
Und deshalb kann ich nur eines sagen: ich will gar nicht wissen, wann es mit mir zu Ende geht. Könnte ich den Tag wirklich genießen, wenn ich wüsste, dass er mein letzter ist? Das danach nur das Ungewisse, das Ende auf mich lauert? Ich will mich nicht von der Uhr oder von irgendetwas anderem jagen lassen; ich will meine letzten Stunden so verbringen, wie ich es immer getan habe.
Und damit komme ich zum Punkt, zum Kern dieser ganzen Aussage. Auch der Spruch, der jetzt kommt ist etwas alt- aber ich denke, man kann ihn nicht oft genug hören, weil man nie wirklich realisiert wie sehr es stimmt: Lebe jeden Tag deines Lebens wie deinen Letzten. Dir wird es vielleicht nicht viel helfen –weil du ja nicht weißt, wann es zu Ende ist- aber denen, die um dich trauern erleichtert es Vieles.
Leere Floskeln
„Wollte dich nur wißn lassn daß keine Stunde vergeht in der ich nicht an dich denke.“
Danke, aber bitte wie machst du das? Stellst du dir nachts den Wecker, der dich im Stundentakt wachmacht damit du daran denken kannst? Hast du vielleicht sogar eine Stechuhr, damit du am Ende des Tages kontrollieren kannst ob du brav warst? Liegst du am Strand, schaust hinaus aufs Meer- und denkst dann plötzlich dran? Flüstern dir die Fische beim Schnorcheln stumme Erinnerungen zu? Malen die Touristenkinder Schriftzeichen in den Sand? Zwickt dich ab und an ein Einsiedlerkrebs?
Und was ist, wenn du „Party machst“? Haben es die Burschen, denen du nachschaust auf die Stirn eingraviert? Erinnert dich das Rot der Cocktailkirschen daran?
Ich weiß, ich weiß. Es ist nur eine Floskel. Ich bin dir auch nicht böse- ich weiß, es war gut gemeint. Aber bitte, genieß deinen Urlaub, so lange du ihn hast. Sei danach –sofern du es willst- für mich da. Es ist besser für uns Beide.
Katalogtrauer
Eine Hilfe in der Trauer für die einen; eine Kränkung für die anderen.
Man kann auswählen, muss sich entscheiden, eine Bestellung abgeben- wie in einem Versandhauskatalog. Den Sarg, die Parten.
Der Text wird in ein Formular eingetragen: manche Textzeilen ausgestrichen, manche ergänzt, in manche Felder eingesetzt. Es scheint wie ein Lückentext, aus Volksschulzeiten.
Für den –auch nur aus dem Katalog stammenden- Trauerspruch wird sogar nur ein Code, der mit Zahlen angegeben ist, dazugekritzelt.
Das Partebild gibt es in etwa zehn verschiedenen Variationen- viele mit Kreuzen, manche Bilder. Eines, dass eine Allee zeigt ist besonders beliebt- später sehen wir es im Supermarkt hängen, zwei von drei Angehörigen haben sich dafür entschieden. Die Beispiele im Katalog sind genauso echt wie die im Geschäft; Menschen, die gelebt haben und hier gestorben sind. Manche kannte meine Mutter noch.
Danach müssen wir noch ein Bild für die kleine Parte auswählen, die es –fast nur- im ländlichen Bereich gibt. Ein kleines Deckblatt, entweder füllend oder mit einem Spruch. Variationen gibt es nicht, die Druckerei ist unflexibel. Entweder das eine, oder das andere. Auf eigene Wünsche kann keine Rücksicht genommen werden.
Und so schwindet am Ende die Individualität eines Menschen; jedes Bild, jeder Spruch ist davor schon einmal verwendet worden.
Doch jede neue Suche, jeder Drang sich selbst einzubringen scheitert. Wir sind wie gelähmt; wir ringen nach Worten und Formulieren- und finden einfach keine. Am Ende bleibt der Text, der nicht auszudrücken vermag was wie fühlen- und der trotzdem gedruckt wird.
In einem Menschen
Wenn man geboren wird, hat man noch kein genaues Bild von den Menschen, die eine umgeben. Dann lernt mensch sie langsam kennen: zuerst nur mit den Namen –Mama, Oma, … -.
Dann, später, beginnt man auch ansatzweise zu begreifen, was diese Worte bedeuten; warum ein Mensch überhaupt eine „Mama“ oder eine „Oma“ für jemanden ist. Was so ein Mensch für das eigene Leben bedeutet; wie er es prägt, wie er es gegeben hat.
Irgendwann werden einem kleinen Kind dann die Verwandtschaftstrukturen erklärt, die eine Familie ausmachen: das die Oma die Mutter der Mama ist, die Tante die Schwester der Mama und auch ein Kind der Oma. Manche begreifen es früher- manche später. Vielleicht hängt es davon ab, ob mensch selbst Geschwister hat.
Und dann wird man immer älter; mensch lernt die Menschen kennen, ihre Persönlichkeiten. Jede hat Stärken, jede hat Schwächen.
Doch haben wir alle eine eigene Sicht auf jede Verwandte; wir sehen sie meistens „nur“ als Mutter, „nur“ als Tante.
Mehr lernen wir erst zu sehen, wenn die Mutter am Sarg der Großmutter steht und trauert.
Dann erst begreifen wir wirklich, da auch sie eine Tochter war.