Donnerstag, 25. September 2008

Erinnerung

Kaum bist du kalt, schon fliehen sie. Vielleicht wie die Ratten, die ein sinkendes Schiff verlassen: sie zerstreuen sich im Winde.

Manche sind bereits mit dir untergegangen. Sie haben nur noch in dir existiert, weil du die letzte deiner Generation warst; sie sind mit dir verschwunden, und nichts auf der Welt kann sie jemals zurückbringen.

Manche haben sich woanders festgesetzt; auf Papier, auf Bildern, in manchen Köpfen. Wir gehen durch dein Haus und sehen das Bild deines verstorbenen Ehemanns, meines Großvaters; es hängt über dem Tisch, an dem wir so viele Mahlzeiten eingenommen haben, das kein Mensch sie mehr zählen kann.

Andere Bilder haben sich besser verstecken. Wir finden sie in den Schränken, eingebettet in Fotoalben oder auf Parten gedruckt, als Erinnerung für Menschen, die nur noch du gekannt hast.

Manche hast du sogar in deinem Gebetsbuch aufgehoben. Dort hast du sie hineingelegt, um dich an deine Familie zu erinnern, die unsere Welt so lang vor dir verlassen hat.

Aber die größte Zahl an Erinnerungen, die noch durch diese Welt fliegen, ist die, die noch lebt. In unseren Händen, Köpfen und Herzen. Wir tun banal wirkende Dinge, die du sonst immer getan hast: wir füttern deine Katzen, pflücken dein Obst oder arbeiten in deinem Garten. Wir verrichten dieselben Handgriffe, die auch du schon so oft getan hast- und denken dabei oft gar nicht daran.

Nur in unserem Kopf, in dem alles gespeichert ist, macht sich dann manchmal ein trauriges Gefühl breit. Und wir wissen dann wieder, was wir da gerade tun- und denken an dich. Oder wir reden über dich, über die Dinge, die du gewusst hast. Wir denken immer, soviel zu kennen- doch ist alles, was wir noch von dir in Erinnerung haben nur ein Bruchteil deines Lebens. Wie viel wissen wir nicht, weil du es nicht wolltest? Wie viele Erinnerungen nimmst du mit ins Grab, weil du nie den Mut fandest, sie auszusprechen? Und wie viel ist auf ewig verschwunden, weil du es bereits vergessen hast?

Niemand kann es mir sagen.

Dafür gedenken wir mit dem Herzen- wir wissen nicht genau, wofür. Aber wir werden es immer tun.

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